Auf die Frage, was etwas" ist", kann man eine Wirklichkeits- und eine Wahrheits- aber keine Seinsantwort geben. Eine Seinsantwort wäre der Begriff, der etwas Unverwechselbares festellt, die Wirklichkeitsantwort aber zielt auf die spezifische Differenz zu allem anderen Wirklichen auf der Begriffslandkarte von Wirklichkeit. Die Wahrheitsantwort erläutert die Bedeutungsaspekte, unter denen die Wirklichkeitsantwort kontrolliert werden kann.
Aber wie genau unterscheiden sich Wirklichkeits- und Wahrheitsdefinitionen?
Wirklichkeitsdefinitionen orten etwas Wirkliches auf der Begriffsbildlandkarte, Wahrheitsdefinitionen nennen die Bedeutungen, die eine Wirklichkeitsdefinition wahr machen.
Aber was heißt etwas wirklich, was etwas wahr machen?
Man kann nichts "wirklich" machen, man kann nur etwas als wirklich erkennen, wenn es einen einmaligen Platz auf der Begriffsbildlandkarte des Seins besitzt. Denn dieser Platz bezeichnet den unverwechselbaren Oberbegriff und die unverwechselbare spezifische Differenz zu anderem Wirklichen. "Wahrmachen" heißt dagegen die Bedingungen nennen, unter denen die Behauptung, etwas sei "in Wirklichkeit" dies oder jenes, auch stimmt.
Was unterscheidet noch einmal genau Wirklichkeits-, Wahrheits- und Seinsdefinitionen?
Überall wird etwas Wirkliches beim Namen genannt. Die Seinsdefinition nennt es als das, was es "ist", in seinem entsprechenden Begriff. Die Wirklichkeitsdefinition nennt es unter allem anderen Wirklichen, als was es einmalig etwas Wirkliches ist. Und die Wahrheitsdefinition nennt das, was es als Seins- und Wirklichkeitsdefinition auf der weiterführenden Bedeutungsebene "ist", so daß man weiß, was das Gesagte bedeutet.
Und wozu dienen uns diese drei unterschiedenen Definitionen?
Seinsdefinitionen sind Begriffe, mit deren Hilfe wir sagen können, auf was sich Worte intersubjektiv evident beziehen. . Wirklichkeitsdefinitionen sind Sätze, die uns sagen, was das begriffliche Sein nicht nur als identifiziertes Wirkliches, sondern auch unter allem Wirklichen einmalig als Wirklichkeitsmoment auf der Begriffslandkarte ist. Und Wahrheitsdefinitionen sind Seinsbedeutungen, die Seinsdefinitionen in ihrer Funktion als Wirklichkeitsdefinitionen bedeutungsmäßig erläutern.
Aber wozu in allen diesen Fällen überhaupt Definitionen?
Es ist schon wichtig, in Diskursen kurz und prägnant sagen zu können, was man mit etwas meint, wenn man es mit Worten unterstellt (Seinsdefinition) , was man im weitesten Sinn meint, wenn man es in der Sache unterstellt (Wirklichkeitsdefinition) und was man begründend meint, wenn man in der Sache auf Grundsätzliches zurückgreift (Wahrheitsdefinitionen).
Aber wie kann man zugleich allen drei Definitionen gerecht werden?
Indem man erstens Worten begrifflich gerecht wird, d.h. bei wichtigen Worten sagt, wie man sie versteht. Indem man zweitens Behauptungen definitorisch gerecht wird, dh. begründend sagt, wie man sie auf Wirkliches bezieht, und indem man drittens sich Zusatzfragen nach dem Gemeinten nicht entzieht, sondern stellt.
Kann man das auch einmal an einem Beispiel erläutern?
Nehmen wir das Wort "Freiheit". Das Wot wird von jedermann verstanden, aber umgangssprachlich höchst unterschiedlich, je nach Erfahrungs und Bildungshorizont, je nach Problemlage und Kommunikationszusammenhang, je nach Idealen und praktischen Zielsetzungen. Das sind die Schatten in Platons Höhlengleichni: Weil es sich nur um Worte handelt, noch nicht um die Sachen selbst, versteht jeder im Grunde etwas anderes, und damit man in einem Verständigungsprozeß nicht permanent aneinander vorbeiredet, bleibt nichts anderes übrig, als einen Moment innezuhalten und sich wechselseitig zuerst einmal darüber zu einigen, was man im Wortgebrauch gemeinsam als Wortbedeutung unterstellt.
Aber um ein Verständigung durch Wortdefinitionen zu erzielen braucht man doch noch keine letzten Definitionen?
Natürlich genügt für die meisten Zwecke eine kurzfristige Festlegung auf das, was alle Seiten vorläufig zunächst und unter bestimmten Bedingungen zum Zweck der Verständigung mit Worten verstanden wissen wollen. Aber dabei ist weder ausgemacht, ob diese Festlegungen für die einzelnen Gesprächsteilnehmer einen in sich begründeten Sinn haben, noch ob sie der Sache selbst tatsächlich gerecht werden.
Aber was heißt jetzt hier "der Sache selbst gerecht werden"?
Eben das, was Freiheit unabhängig von dem "ist", auf das man sich gerade aus irgend einem bestimmten Zweck voräufig geeinigt hat. Was die Freiheit "ist", wird ja nicht aus strategischen Zwecken abgeleitet oder in einem Kompromiß gemeinsam beschlossen, sondern muß von sich her so überzeugen, daß argumentative Zustimmung für jeden zwanglos möglich ist.
Aber wann interessiert überhaupt das, was Freiheit "ist"?
Wenn es um einen Wortgebrauch geht, der grundsätzlich allen gerecht werden soll, und nicht nur dem einen oder anderen bedingten Interesse. Dann kommt es darauf an, unterscheiden zu können, in welchem Sinn in diesem oder jenen Zusammenhang das Wort Freiheit verstanden werden soll. Das ist vor allem wichtig, wenn Freiheit direkt Thema ist.
Wie aber kann Freiheit direkt noch Thema außer in expliziten Definitionen sein?
In philosophischen Zusammenhängen. Man denke nur an das theologische Jahrtausendproblem des freien Willens vor Gott. Seit Augsutin stehen die Theologen vor der ungelösten Frage, ob es neben dem allmächtigen und allwissenden Gott auch noch eine selbständige Freiheit der endlichen Wesen geben darf. Bis heute noch scheiden sich an dieser Frage die Geister.
Und wie kann hier die Definitionsfrage weiterhelfen?
Indem im jeweiligen Kontext klargestellt wird, was jeweils mit dem Wort "Freiheit" gemeint ist. Eine solche Klarstellung kann viele Dispute als Scheinkontroversen entlarven. Sie ist aber eben nur dann möglich, wenn es für die Wortunterscheidungen unabhängige Kriterien gibt, die Freiheit sinngemäß variieren und nicht zugleich wiederum ein einem ursprünglichen Sinn selbst in Zweifel ziehen.
Der ursprüngliche Sinn muß also von seinen Teilbedeutungen frei gehalten werden können?
Um Teilbedeutungen richtig zu verstehen, müssen sie gedanklich ständig in Relation zu der umfassenderen einfachen Wortbedeutung stehen. Es ist eben nicht dasselbe, über Freiheit allgemein nur daher zu reden, so als ob es sich dabei lediglich um äußer Freiheit handle, oder nur um Willensfreiheit, um Kompetenz oder ein Können, um innere Freiheit, Wahlfreiheit usw. Alles dies sind besondere Aspekte des Wortes "Freiheit", aber eben höchst unterschiedliche.
Und um die Teilbedeutungen unterscheiden zu können, muß man die Hauptbedeutung kennen?
Hauptbedeutung meint hier das einfache, unpräzisierte Wort. Die Unsitte ist weit verbreitet, mit den einfachen Worten der Hauptbedeutungen etwas als gesagt zu unterstellen, was tatsächlich nur eine Nebenbedeutung davon ist. Der Rückgriff auf das einfache Wort suggeriert die Nebenbedeutungs als Hauptbedeutung, so wie wenn jemand allgemein von Freiheit spricht, im ernst dabei aber nur an die innere Freiheit als seelischen Zustand denkt.
Aber Freiheit ist doch etwas Bestimmtes!
Aber in einem sehr weiten Sinn, was eben unsere Definitionen zeigen können. Wenn z.B. heute führende Gehirnforscher, aber auch Genetiker, Apologenten der Künstlichen Intelligenz usw.so öffentlich wie lapidar erklären, ihre jeweilige Wissenschaft habe gezeigt, daß es keine Freiheit gebe, dann ist das nicht nur Wortschlamperei, sondern bewuße Irreführung und Desorientierung der Öffentlichkeit!
Wieso Desorientierung der Öffentlichkeit?
Würde die Behauptung in der undifferenzierten allgemeinen Wortwahl stimmen, dann dürfte es ja keine Kultur geben. Verantwortung wäre unmöglich, eine "freie Gesellschaft" wäre ein widersinniger Begriff, das ganze Rechtswesen eine Farce, politische Ieale wären Hirngespinste usw. Es muß sich also um Mißverständnisse der Wortwahl handeln.
Wie kommte es aber, daß viele führende Wissenschaftler sich trotzdem auch heute noch sich so ausdrücken?
Weil sie von den Philosophen in diesen Fragen bis heute allein gelassen worden sind, das ist die einfache Antwort. Die meisten Fachwissenschatler verwechseln immer noch ihren eigenen privilegieerten Wirklichkeitszugang mit dem Wirklichkeitszugang überhau